Fußball als Stütze und Argument lokaler Identität
Dienstag, den 22. Juni 2010 um 22:03 Uhr
Lokales
Noch bis 11. Juli zeigt die WM in Südafrika bei den verbliebenen Nationen den Zusammenhang von Fußballbegeisterung und kollektivem Wir-Gefühl. In den Medien ist immer wieder von der identitätsstiftenden Bedeutung des Sports die Rede Während nicht ganz klar ist, welche Identität aus einem „Partyotismus" mit Autofähnchen und Fanmeilen-Gejubel entstehen soll, haben die Mystifizierung des WM-Sieges im Jahre 1954 als „Wunder von Bern" oder die Selbstinszenierung Englands als „Mutterland des Fußballs" zweifelsohne zur Herausbildung nationaler Identitäten in den beiden Ländern beigetragen. In der Rivalität des Liga-Alltags, der nach WM und Sommerpause wieder einkehren wird, sind es lokale Identitäten, die der Fußball formt.
Erst Recht im Amateurfußball in ländlichen Gebieten, wo die Beziehungen zwischen der Bevölkerung und dem Verein eine weitaus intensivere ist als im Profisport. Im Dorf erfüllen Vereine generell Funktionen der Integration und Partizipation, d.h. sie tragen zur Stärkung der Dorfgemeinschaft bei und ermöglichen ihren Mitgliedern, am Dorfleben teilzunehmen und dieses zu gestalten. Der örtliche Sportplatz dient als Kommunikationsort, an dem sich sonntags verschiedene Generationen treffen; das Vereinsheim bietet oftmals Ersatz für nicht (mehr) vorhandene Gasthäuser. Die Wettkampfkomponente bei Sport- und speziell bei Fußballvereinen bringt zudem eine Beziehung zu anderen Dörfern mit sich: Bei Heim- und Auswärtsspielen hinterlassen Mannschaften und Fans Eindrücke, die von „fairen Sportsmännern" bis „rüpelhafte Raufbolde" reichen können und immer auch ein Image ihres Heimatortes transportieren. In einer besonderen Weise formt sich die lokale Identität im Umfeld von Lokalderbys. Schon im Mittelalter wurden in England Vorformen des heutigen Fußballspiels veranstaltet, bei denen alle Männer eines Dorfes gegen die der Nachbargemeinde antraten. Noch heute haben Spiele gegen Vereine aus dem unmittelbaren Umland ihren eigenen Reiz. Die Gastgeber versuchen, ihre Stellung als „Platzherren" zu verteidigen. Besonderen Stellenwert haben dabei seit den Eingemeindungen im Zuge der Gebietsreform in den 1970er Jahren Spiele kleiner Ortsteilclubs gegen Vereine aus der Stadt (z.B. Bensheim), bei denen Siege wie separatistische Seitenhiebe gefeiert werden.
Ein Zusammenwirken der identitätsstiftenden Elemente Sport und Brauchtum zeigt sich im Odenwald am Kirchweihwochenende, an dem die Spieler mit besonderem Eifer antreten, um zu gewinnen. Manchmal existieren in kleinen Gemeinden zwei Fußballvereine nebeneinander, was nicht selten politische Gründe hat, wie das Beispiel der SG Ueberau zeigt, die wegen ihrer kommunistischen Vereinstradition diskriminiert wurde. Die Koexistenz von mehreren Fußballvereinen kann unter Umständen die dörfliche Integration gefährden, im Normalfall wirkt sich diese Form von Pluralismus, sprich einer Vielfalt von Ansichten und Interessen, aber positiv auf die Dorfgemeinschaft aus. Die Zuschauer beim jüngsten Derby zwischen SSV und TSV Reichenbach haben bewiesen, daß ein faires, vom Sportsgeist getragenes Nebeneinander möglich ist. (Stefan Hebenstreit)