Ein Märchen von Pessimisten, Realisten und Ärmelhochkremplern

Tourismus im Lautertal:

Es war einmal eine Gemeinde im Odenwald, dort lebten die Menschen glücklich und zufrieden, denn sie hatten eine große Chemiefabrik, die allerorten für Wohlstand sorgte.

Eines Tages jedoch kam die böse Wirklichkeit und holte die Fabrik aus dem Tal an einen anderen Ort. Die Menschen wurden nachdenklich und suchten nach einer anderen Quelle für ihren Wohlstand. Mit der Zeit kam man überein, daß man sein Heil darin suchen wolle, eine idyllische Gemeinde für Erholungssuchende zu werden. Fortan tat man alles dafür, daß der Tourismus im Tal Einzug hielte.

Man sorgte dafür, daß an den wunderschönen Ausflugszielen in den Wäldern und Feldern größere Räumlichkeiten für Besucher geschaffen wurden, daß sie einen Anschluß an das Abwassernetz bekamen, auf daß sie ihre Fäkalien nicht mehr aufs Feld fahren mußten, und auch daß ordentliche Zufahrten dorthin führen.

Aber ach, eines der wunderschönen Ausflugsziele hatte man vergessen: durch enge Wohnsträßchen mit vielen Hindernissen mußten die Kutschen der armen Gäste sich schlängeln - und wer weiß ob die Straße denn nicht am Ende sogar genauso schlecht gebaut ist wie jene mit dem hübschen Namen „Am Lustgarten“! In weiser Voraussicht schufen die Besitzer des wunderschönen Ausflugszieles schon einmal die doppelte Größe an Wirtsräumlichkeiten, um zu testen ob dies wohl auch künftig - wenn erst die Genehmigung von Landvögten, Bütteln und Höflingen da sein würde - über jenes enge Sträßlein zu bewerkstelligen sei. Die Genehmigung - ja, für die sollte wohl der Teufel sorgen; in einer Kammer tief unter der Erde, vor deren Tür ein hungriger Säbelzahntiger liegt und in der es sicher auch kein funktionierendes Licht gibt, in dieser Kammer sollte ganz leise eine Frage gestellt werden: nämlich ob es jemanden gebe, der gegen die Genehmigung etwas habe. Für einen langen Zeitraum, zwei ganze Wochen in jener Zeit, wenn alle Bewohner des Tals selbst an anderen Orten Ferien machen, sollte die leise Frage ganz heimlich gestellt werden, auf daß niemand belästigt werde.

Aber ach, die Bewohner rochen den Braten und duldeten es nicht. Schon hatte man gemerkt, daß es mit solcherart Genehmigungen nicht mit rechten Dingen zugehen konnte, und daß man auch nichts erreichte mit all den neuen Ideen für den Tourismus. Denn die Wirtsstuben dort oben stehen auch heute noch dem durstigen Wandersmann nicht offen. Nur Landvogt, Büttel und Höflinge gehen hier ein und aus. Dem durstigen Wanderer auf dem Nibelungensteig bleibt nichts als weiterzuwandern. Und wenn er nicht verdurstet ist, so wandert er noch heute. Die Bewohner aber, die sind so schlau wie vorher. (M. Hiller)