Wovon lebt das Bergvolk der Odenwälder - einst und heute?
Donnerstag, den 22. Juli 2010 um 20:27 Uhr
Obwohl bereits die Römer den Anbau von Apfelbäumen im Odenwald betrieben, konnte die Landwirtschaft in den unwirtlichen Höhen und feuchten Tälern erst spät Fuß fassen. In den letzten Jahrzehnten ging die landwirtschaftliche Nutzung durch Haupterwerbsbetriebe jedoch kontinuierlich zurück, und große funktionierende Bauernhöfe sind inzwischen schon vielerorts zur touristischen Attraktion geworden. Heutzutage setzt man im Odenwald vorwiegend auf Tourismus, speziell Wandertourismus und Kurzurlauber gehobener Zielgruppen. Der Regionalplan Südhessen sieht für den Odenwald fast ausschließlich Wald- und Landwirtschaft vor, an wenigen Punkten sind ober- und unterirdische Flächen für Rohstoffabbau oder Windkraftnutzung ausgewiesen. Industrie- und Gewerbeflächen gibt es nur dort, wo diese Branchen schon vor der Aufstellung des Planes im Jahr 2000 ansässig waren.
Doch weder Tourismus noch Landwirtschaft sind die ältesten Gewerbezweige im Odenwald: der Bergbau fand als erstes den Weg in die ausgedehnten Waldgebiete. Belegt bereits im Lorscher Kodex (Handschrift aus dem späten 12. Jh) sind einige Plätze im Odenwald, an denen Erze aller Art abgebaut wurden. Wie man im Mittelalter - und früher! - aus dem gewonnenen Erz reines Eisen gewann, zeigt ein Experiment von Werner Götzinger mit seinem historischen Rennofen, der im September 2009 in Rohrbach erbaut und in Betrieb genommen wurde (Infos: www.felsenmeerkobolde.de Rubrik „Heimatkundliches“ - Experimentelle Archäologie). Einige Bergwerke können heute touristisch besichtigt werden (Grube Anna Elisabeth Schriesheim, Marie von der Kohlbach etc), und auch auf dem Gebiet von Lautertal, Lindenfels und Modautal gibt es einige Bergwerke und Steinbrüche. Schwerspat, Mangan, Silber, Hornblende, Graphit - die Liste der abgebauten Rohstoffe läßt sich ewig weiterführen. Wieviele Fabriken, Feldbahnen und Steinbrüche allein die OHI (Odenwälder Hartsteinindustrie) um Ober-Ramstadt unterhielt, liest sich unterhaltsam in einem Buch von Berthold Matthäus: Feldbahnen der OHI, ISBN 3-9805727-2-2). Allein im Felsberg waren bis vor gut 30 Jahren an die 800 Steinarbeiter tätig, bis das ganze Gebiet 1979 endgültig unter Naturschutz gestellt wurde.
Doch auch der Odenwälder muß sich entscheiden: will er Urlaubsidylle oder Industrie? Ruhiges Dorfleben für erholungsbedürftige Städter oder ein Schotterwerk mit 30.000 Tonnen Förderung jährlich - und genau diese Diskussion ist in den letzten Jahren im Modautaler Ortsteil Herchenrode aufgebrochen, wo ein 100jähriger Steinbruch, der seit 1980 stillgelegt war, wieder in Betrieb gehen soll. Unternehmen kann die Gemeinde Modautal dagegen nichts, denn da hier nicht nur Hornblende, sondern auch Feldspat lagert, unterliegt das Gelände dem Bergrecht. Dieses mittelalterliche Gewohnheitsrecht, zunächst mündlich überliefert, wurde im 15 Jahrhundert als Verordnung festgeschrieben und 1982 zum Deutschen Bundesberggesetz, ist also älter als die modernen Gemeindeordnungen. Einfluß nehmen kann Modautal nur über die Zuwegung zum Steinbruch, und am 6. Mai 2009 bildete sich eine Bürgerinitiative (Kontakt: Klaus Mittelstaedter 06167-581, Sabine Oehmke 06167-671, http://www.kiga-foev-ernsthofen.de/Steinbruch.htm), die ihre Landschaft mit Modautalschule, ruhigen Pferdehöfen und dem denkmalgeschützten Dorf Herchenrode vor der Wiederaufnahme des Betriebes schützen will. Man befürchtet, daß die mit 30.000 Tonnen eher geringe Fördermenge durch Recyclingmaterialien von außerhalb ergänzt wird, die dann hier im Steinbruch weiterverarbeitet (geschottert) werden sollen. Rentabel sei ein Steinbruch erst ab 300.000 T/Jahr, so die BI. Zu befürchten für die weitere Umgebung sei, daß die nach Schätzungen der BI geplanten täglich einhundert 40-Tonner auch über die B 47 fahren werden. (M. Hiller)