Schannenbach als Filiale im Gronauer Kirchspiel

Heimatgeschichte: Schannenbach als Filiale im Gronauer Kirchspiel

Von Stefan Hebenstreit

 Wenn man vom Schannenbacher Ortskern aus der Gronauer Straße in südwestlicher Richtung folgt und am Waldrand hinter der Teichkläranlage auf den talwärts führenden Weg abbiegt, überschreitet man nach einigen Metern die Gemarkungsgrenzen der ehemals selbstständigen Gemeinden Schannenbach und Gronau, die 1972 im Zuge der hessischen Gebietsreform zur Gemeinde Lautertal bzw. zur Stadt Bensheim eingegliedert wurden. Der sich heute in schlechtem Zustand befindliche Weg, der mit steilem Gefälle durch den Märkerwald hinunter in den Gronauer Talkessel führt, wird im Volkmund als Kirchenweg, Totenweg oder Leichenweg bezeichnet. Auf diesem Weg „pfarrten“ die Schannenbacher jahrhundertelang in die Gronauer Kirche St. Anna, da Schannenbach als Filialdorf zum Kirchspiel Gronau gehörte.

Nachdem das mittelalterliche Kirchspiel Bensheim aufgelöst worden war, entstanden im 14. und 15. Jahrhundert mehrere kleinere Nachfolger, darunter unter anderem Reichenbach oder Beedenkirchen. Schannenbach, das ebenso wie viele andere Dörfer der Region (z.B. Knoden oder Breitenwiesen) als Fronhof des Klosters Lorsch angesiedelt worden war, wurde um 1398 dem damals gegründeten Gronauer Kirchspiel zugewiesen. Dieses bestand zwar getrennt von Bensheim, die kirchliche Betreuung bzw. Aufsicht oder Kontrolle oblag jedoch dem Erzbistum Mainz und somit der Bensheimer Pfarrei als dessen Dependance. Erst 1539, als sich die Grafschaft Erbach-Schönberg im Zuge der Reformation der Lehre Luthers zuwandte, wurde das Kirchspiel Gronau und damit auch Schannenbach lutherisch. Zugezogene Reformierte, etwa Einwanderer aus der Schweiz, wurden nach Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648 nach Schlierbach gewiesen. Als Einwohner der Kirchspielfiliale mussten die Schannenbacher auch ihren Gült, eine Vorform der heutigen Kirchensteuer, an die Gronauer Pfarrei entrichten. In seinem Register, in dem auch die Zinspflichten der Dörfer Schönberg, Wilmshausen und Zell genannt werden, unterschied der vorreformatorische Pfarrer Martin Knapp dabei Korn-Gült, Wein-Gült, Kleinen Zehnten, Kappen (Grundzins) und Geldzins. Schannenbach hatte demnach den Kleinen Zehnten (decimae minores) zu entrichten, in der Regel eine Abgabe der Obst- und Gemüseernte. Interessanterweise liegen aber auch Vermerke in Reichenbacher Kirchenzinsbüchern aus dem 16. und 17. Jahrhundert vor, wonach die Schannenbacher zehn Pfennig als „Ständig Hellerzins“ an die dortige Pfarrei zu zahlen hatten.

Neben dem kirchlichen Bezug waren Schannenbach und Gronau lange Zeit auch als politisch-administrative Verwaltungseinheiten verbunden, da beide Dörfer der Grafschaft Erbach-Schönberg unterstanden. Zwischen dieser und der Kurpfalz kam es im Jahre 1561 zu einem Gebietstausch: Unter anderem wurden Schannenbach und Knoden an die Kurpfalz abgetreten, dafür bekamen die Grafen zu Erbach Lautern, Gadernheim, Raidelbach und einen Teil von Reichenbach. Die an die Kurpfalz abgetretenen Gebiete wurden nun vom Lindenfels verwaltet. Hinsichtlich der politischen Gliederung trennten sich die Wege von Schannenbach und Gronau damit. Erst 1806 fielen beide Dörfer wieder an das Großherzogtum Hessen.

Die kirchlichen Verbindungen nach Gronau hielten bis ins vergangene Jahrhundert. Das Ehrenmal an der Kirchenmauer in Gronau erinnert an im Ersten Weltkrieg getötete Soldaten aus Schannenbach und noch Anfang der 50er Jahre wurden Schannenbacher Jugendliche vom damaligen Gronauer Pfarrer Jakob Balz konfirmiert. Woche für Woche wanderten sie den eingangs erwähnten Kirchenweg durch den Gronauer Märkerwald, um zum Konfirmandenunterricht zu gelangen. In den Wintermonaten erschwerten Dunkelheit, Schnee und Eisglätte den Rückweg auf dem steilen und steinigen Pfad durch „die Schliefeboach“, wie das Waldstück nach dem dort fließenden Mittelgebirgsbächlein im Dialekt genannt wird. Wenn man weiß, dass dieser Bachlauf auf über 1.200 Metern das steilste Gefälle eines Fließgewässers im vorderen Odenwald aufweist und der Weg größtenteils parallel zum Bach verläuft, kann man sich vorstellen, mit welchen Beschwerlichkeiten es verbunden war, einen Sarg nach Gronau zu transportieren. Über diese traurige Verrichtung, die in früheren Tagen von Trägern, später mittels Fuhrwerken verrichtet wurde, erzählt der Volksmund eine amüsant-makabere Episode: Der Wagen mit dem Sarg eines verstorbenen Schannenbachers war im aufgeweichten Waldweg steckengeblieben, mit großer Mühe versuchte die Trauergesellschaft die gedrechselten Holzräder aus dem Schlamm zu bewegen. „Ehr kennt mache, woas’de wollt, ewwe hoam kimmt’e mer nimmäih!“ soll die Witwe des Verstorbenen gesagt haben, als es nach einigen Minuten noch immer nicht gelang, das Fuhrwerk zum Rollen zu bringen.

 

Literatur:

Bauer, Hermann et al.: Ein Dorf im Odenwald. Schannenbach. Geschichte, Geschichten, Bilder, hrsg. vom Verschönerungsverein Lautertal-Schannenbach e.V., Lautertal 1997.

Kühner, Eberhard: Das Dorf in der Grünen Aue. Gronau im Laufe der Jahrhunderte, Bensheim 1989.

Kunz, Rudolf: Die Kirche in Gronau bei Bensheim, in: Geschichtsblätter für den Kreis Bergstraße, Bd. 18 (1985), S. 222-223.