Nachbarschaftshilfe und Tauschbörsen im Kommen

„Kennen Sie jemanden, der ungespritzte Lageräpfel hat?“

Diese Frage erreichte mich in den letzten Wochen, und ich konnte helfen. Denn ich hatte kurz vorher in der Hohensteiner Straße in Reichenbach eine handgeschriebene Tafel „ungespritzte Äpfel“ entdeckt. „Vielen Dank für Ihren heißen Tipp, habe gleich Herrn XY angerufen. Sogar mit Lieferservice! Er hat noch Äpfel zentnerweise das Kilo zu 1 €, schmecken gut, kann man nur empfehlen. Super!“ kam prompt die Antwort. Zufällig brauchte Herr XY gerade einen Artikel, den die Fragerin anzubieten hatte.

Gesucht - gefunden, kann man da nur sagen. Tauschgeschäfte waren in früheren Zeiten im ländlichen Raum vorherrschend. Das „Mutuum“, das wechselseitige Geben und Nehmen wurde sogar durch Landgraf Georg I im Jahre 1798 ausdrücklich empfohlen. Nur Zins durfte nicht verlangt werden. Nachzulesen ist dies in einem spannenden Aufsatz von Rosemarie Beck über eine Billingser Mühlenfamilie in „Der Odenwald“ (Zeitschrift des Breubergbundes, Heft 1, 2 und 3 2012 ) H

eute ist unsere ländliche Gesellschaft wieder an dem Punkt, wo das Selbermachen, das Sich-selbst-organisieren wichtig wird. Bund, Länder und Kommunen haben viel zu lange aus dem Vollen geschöpft. Sie waren Ende 2011 mit rund 2.021 Milliarden Euro verschuldet. Insgesamt betrug im Jahr 2011 die Pro-Kopf-Verschuldung 25.770 Euro, davon in den Gemeinden im Schnitt 1709. In Hessen liegt sie pro Gemeinde bei 1750 Euro. Würden ab sofort von Bund, Ländern und Kommunen keine Schulden mehr aufgenommen und würde die öffentliche Hand gesetzlich verpflichtet, neben allen anderen Ausgaben für Personal, Investitionen, Sozialleistungen, Zinsen etc. jeden Monat auch eine Milliarde Euro an Schulden zu tilgen, so würde dieser Prozeß 168 Jahre lang andauern müssen, um den Schuldenberg vollständig abzutragen.

Mit dem kommunalen Schutzschirm und der Aufforderung zur Haushaltskonsolidierung versucht nun das Land Hessen, ausgerechnet die Kommunen als erste zum Schuldenabbau zu zwingen, die neben ihren Pflichtausgaben kaum Spielraum haben. Auf längere Sicht wird also für den Einzelnen aus der öffentlichen Hand nicht mehr viel zu erwarten sein. Selbstorganisation wie beispielsweise bei Fahrten und Transporten, der Finanzierung der FSJ-Stelle an der Mittelpunktschule Gadernheim, Weitergabe von Kenntnissen und Austausch von Tätigkeiten und Dingen werden notwendig.

Die Bürgerquelle Lindenfels macht es seit vielen Jahren vor. „Bürger bieten Besonderes“ und die Bürgerquelle  erfaßt, fördert und verknüpft dies. Mal reinschauen! Auch die Streuobstwiesenretter sind eine solche Initiative.

„Unser Dorf im Wandel“ soll im Lautertal ähnliches leisten. Margit und Willy Welker aus Gadernheim haben es angestoßen und suchen nun Mitstreiter. Am Beispiel eines Filmes über Kuba, das nach dem Zusammenbruch der UdSSR und dem Öl-Embargo gezwungen war, innerhalb weniger Jahre auf eine Gesellschaft ohne Öl umzustellen (die Kubaner nahmen im Schnitt innerhalb von 3 Jahren 9 kg ab - so weitreichend wirkt sich das Fehlen von Öl aus!). Geld wurde bedeutungslos, Tausch bekam den größten Stellenwert.

Betrifft uns nicht? Natürlich nicht, jedenfalls nicht nächste Woche oder bis Ostern. Doch auf lange Sicht haben die Ölreserven ihr Fördermaximum überschritten, es wird jedes Jahr weniger Öl gefördert, aber ständig mehr benötigt. „Unser Dorf im Wandel“ soll Denkanstöße geben, Ideen sammeln, Gemeinschaftsaktionen fördern. Ohne Parteipolitik, ohne Ortsteildenken und ohne gewerbliche Aspekte. Familie Welker läd daher alle Bürgerinnen und Bürger aus Lautertal ein, sich zu beteiligen. Zunächst genügt es, einfach zum nächsten Stammtisch zu kommen und zu sehen, was es da alles gibt.

Als Thema für die Zusammenkunft im Januar 2013 wurde „Gärtnern“ gewählt. Hier auf dem Land gibt es noch viele Menschen, die viel Wissen um gesunden Anbau von Gemüse und Obst besitzen. Und es gibt viele junge Menschen, die dem Trend zum Selbergärtnern folgen möchten, aber nicht wissen wie. In Kuba bebaute man zur Krisenzeit sämtliche öffentlichen freien Flächen, Abrißgrundstücke, Parks und Zierrabatten mit Gemüse - übrigens auch in Deutschland zu Kriegs- und Nachkriegszeiten. „Urban gardening“ ist heute wieder ein Modetrend geworden. Dabei gibt es im Odenwald die uralte Form der Allmende, die schon früher gemeinschaftlich bewirtschaftet wurde.  Marieta Hiller - erschienen im Durchblick Dezemberheft 2012

Unser Dorf „enkeltauglich“ machen: Film zum Thema in Gadernheim am 14.11.2012:

Margit Welker aus Gadernheim zeigt am Mittwoch, 14. November um 20.00 Uhr im Saal über der Florian-Apotheke einen interessanten und inspirierenden Film zu diesem Thema, nicht nur für Gadernheimer: alle aus Lautertal und Modautal sind dazu eingeladen. Wer dazu beitragen möchte, daß unser Dorf „enkeltauglich“ wird und bleibt, ist ganz herzlich dazu eingeladen. Nachhaltigkeit nicht nur predigen, sondern umsetzen: im Rahmen der Transition-Town-Bewegung (etwa „Stadt im Wandel“) gestalten seit 2006 Umwelt- und Nachhaltigkeitsinitiativen in vielen Städten und Gemeinden der Welt den geplanten Übergang in eine postfossile, lokal orientierte Wirtschaft. Gemeinschaftsprojekte wie Reparieren statt Neukaufen, eigener Gartenbau anstelle etwa importierter Erdbeeren aus China, während unsere Äpfel im Straßengraben verfaulen - sie wachsen überall. Hier sei besonders auf die Streuobstwiesenretter und den Förderverein Odenwälder Apfel e.V. und auf Initiativen hingewiesen, die einheimisches Obst und Interes-senten dafür zusammenbringen, bevor die Ernte verrottet (siehe Seite 13). Unterstützung des ökologischen Landbaus, der nach einer Umstellungszeit auch ohne Düngemittel ökonomisch effektiver arbeitet, hilft durch gezielten Einkauf ebenso. Aber Vor-sicht: im Supermarkt findet man gelegentlich Produkte mit Bio-Label aus Neuseeland oder Chile! Unsere ökologischen und gesellschaftlichen Systeme sollen effizient und resilient (widerstandsfähig gegen Störungen) funktionieren. Dafür setzen sich Städte wie Marburg, Gießen und Kassel ein, wo es bereits Initiativen gibt. Zu finden sind sie im Netzwerk www.transition-initiativen.de. Jetzt muß die Idee auch aufs Land getragen werden. (mw/mh - erschienen im Durchblick-Novemberheft 2012)

Transition Town Initiativen auf dem Land: „Dorf im Wandel“

November 2012 Unsere Energieversorgung und große Teile unserer Industrie sind abhängig vom Erdöl. Nicht nur die meisten Fahrzeuge verbrauchen fossile Treibstoffe wie Benzin oder Diesel; auch die Landwirtschaft in Industrie- und Schwellenländern kann ohne Treibstoffe und ohne aus Erdöl gewonnenen Dünger und Pestizide nicht funktionieren. Die weltweite Nachfrage nach Erdöl steigt ständig weiter, speziell durch den vermehrten Energiebedarf der Schwellenländer wie z. B. Indien und Malaysia. Vor allem jedoch China mit seiner schnell wachsenden Wirtschaft und der damit einhergehenden Mobilisierung der riesigen Bevölkerung weist einen enormen Anstieg seines Erdölverbrauchs auf. Bei mindestens der Hälfte der ölfördernden Staaten weltweit ist jedoch der Höhepunkt der Ölförderung bereits erreicht oder sogar überschritten, es kann also künftig immer weniger Öl gefördert werden. Auch neu entdeckte Vorkommen können die sich ab-zeichnende Verknappung nicht auffangen, zumal solche Rohstof-fe wie Ölschiefer oder Öl aus Tiefseelagerstätten immer schwieriger und risikoreicher auszubeuten sind. Es ist also abzusehen, daß der Preis für Benzin, Öl, Erdgas und Erdölprodukte immer weiter steigen und die Versorgung immer schwieriger werden wird. Schon jetzt sind die Steigerung der Strompreise und das teure Benzin ein Problem, für Menschen mit niedrigem Einkommen und für viele Rentner, Geringverdiener oder Hartz 4-Empfänger kaum noch zu verkraften. Schweden hat aufgrund dieser Entwicklung bereits 2005 den Plan veröffentlicht, sich bis zum Jahr 2020 komplett von fossilen Rohstoffen und Energien unabhängig machen zu wollen. Ein weiteres, sich abzeichnendes Problem sind lange, komplizierte Lieferketten, mit denen wir unsere Versorgung mit Lebens-mitteln und anderen Produkten des täglichen Bedarfs sicherstellen. Zum einen ist der Energiebedarf für diese teilweise absurden Transporte enorm, und sollte durch irgendeine Naturkatastrophe oder ein sonstiges Problem diese Lieferkette für Tage oder gar Wochen unterbrochen werden, werden uns sehr schnell Nahrung, Medikamente und die übrigen Dinge ausgehen, die wir in unseren Supermärkten kaufen können.

Aber was kann der oder die Einzelne tun?

Wir als Individuen können zwar die globalen Probleme nicht lösen, aber wir können einen großen Beitrag dazu leisten, sie hier bei uns zuhause, in unserer unmittelbaren Umgebung anzupacken. Wir können damit anfangen, unser Dorf resilient, das heißt widerstandsfähig gegen diese sich abzeichnenden Probleme machen. Es gibt bereits viele Ideen und Konzepte, die dazu ermutigen; in vielen Dörfern und Städten weltweit haben sich bereits entsprechende Initiativen gebildet. Um ein Stück weit unabhängiger von den fossilen Energieträgern zu werden, ist natürlich der Ausbau der erneuerbaren Energien sehr wichtig, hierüber wird auch bei uns im Lautertal bereits viel diskutiert und geplant. Der sparsame Umgang mit den immer teurer und knapper werdenden Ressourcen ist eine weitere Notwendigkeit. Auch hier gibt es bereits viele Ideen und Initiativen, die im kleineren Rahmen und im örtlichen Umfeld umsetzbar sind wie z.B. Carsharing oder ein Bürgertaxi. Produkte direkt aus unserer Region beziehen bzw. diese vor Ort selbst anbauen, ist ein möglicher Weg. Wir haben das Glück, daß viele Menschen hier einen eigenen Garten haben, in dem sich Gemüse und Obst anbauen läßt. Inzwischen gibt es auch Initiativen, die einen Bauern mit dem Gemüseanbau für ihren direkten Verbrauch beauftragen und teilweise bei der unterjährigen Arbeit und der Ernte mithelfen. Da jeder Ort ein anderes Gefüge und andere Voraussetzungen hat, werden die Ideen und Maßnahmen überall etwas anders aussehen. Nur: anfangen muß man unbedingt, denn wenn nicht jetzt – wann dann? Und wenn nicht wir – wer dann?

Dorf im Wandel: Erfahrungsaustausch Gärtnern - Nachbarschaftshilfe bei Baumschnitt und Kompost

Verschiedene Methoden vom traditionellen Einarbeiten von Mist oder Kompost bis hin zur Permakultur wurden vorgestellt. So wäre beispielsweise denkbar, daß sich im Lautertal eine Gruppe Hobbygärtner zusammenschließt, die gemeinsam ein Stück Wiese bearbeitet. Vor allem wer keinen eigenen Garten hat, wird schnell entdecken, wie entspannend die Gartenarbeit sein kann und wie lecker die eigenen Erzeugnisse schmecken. Oder es gibt jemanden mit einem Garten, den er nicht mehr selbst pflegen kann, oder man überlegt sich, wie eine kommunale Kompostierungsanlage organisiert werden könnte, denn oftmals ist das, was in die Biotonne wandert, ein sehr wertvoller Grundstoff für den Garten. Organisiert wird der Dorf-im-Wandel-Stammtisch von Familie Welker aus Gadernheim, es sind jedoch ausdrücklich Interessierte aus allen Ortsteilen eingeladen. Der Stammtisch soll in loser Folge in verschiedenen Ortsteilen stattfinden, weitere Themen sind jederzeit willkommen.„Unser Dorf im Wandel“ soll Denkanstöße geben, Ideen sammeln, Gemeinschaftsaktionen fördern. Ohne Parteipolitik, ohne Ortsteildenken und ohne gewerbliche Aspekte. Marieta Hiller - erschienen im Durchblick Januarheft 2013

Ein nützlicher Link zum Thema Permagarten: Hannes Permagarten Blog!